Ich bin doch nicht ver-rückt! – „Stigma Psychotherapie“ 

Unser Gesundheitswesen lässt sich sehen: Über Jahre hinweg hat sich die Medizin immer weiterentwickelt und dabei ausdifferenziert. Für uns als Patienten heißt das, in der Moderne nicht mehr auf die Meinung eines Arztes angewiesen sein zu müssen, der sich mit allem etwas auskennt. Stattdessen suchen wir verschiedenste Spezialisten auf, die besondere Expertise auf ihrem persönlichen Fachgebiet haben. Von den langen Wartezeiten einmal abgesehen, hat das enorme Vorteile. Über die jeweiligen Zuständigkeiten besteht kein Zweifel, jeder befürwortet es, für bestimmte Krankheiten entsprechende Experten aufzusuchen. Ein Fachgebiet jedoch wird nicht so zweifelsfrei benannt; ein Spezialist stößt mehr auf Argwohn und Zweifel als alle anderen; bestimmte Leiden werden in unserer Gesellschaft nicht so offen thematisiert … Die Rede ist von der Psychologie, von Psychotherapeuten, von psychischen Krankheiten.

Wohingegen wir keinen Hehl aus unseren physischen Beschwerden machen, neigen wir dazu, psychische Krisen zu verschweigen. Zum einen, weil wir sie uns selbst nicht eingestehen wollen, zum anderen, weil wir Angst davor haben, was die anderen darüber denken. Vorurteile verschleiern die Möglichkeiten, die dieser Fachbereich bietet. Bei denjenigen, die sich noch nie ausführlicher mit der Thematik auseinandergesetzt haben, drängen sich automatisch verschiedene Vorstellungen und Bilder auf, wenn Worte wie „Psycho Therapie“ oder „psychische Störung“ fallen. Vermutlich tauchen da kreischende Menschen auf, die in Zwangsjacken in Gummizellen hocken. Da sind Vorstellungen von gefängnisähnlichen Anstalten, in denen Menschen wie wild geworden oder ganz teilnahmslos umherirren, Gebäude, die Angst machen, aus denen die Patienten kränker herauskommen, als sie hineingegangen sind. Harmlosere, aber dennoch unangenehme Bilder drehen sich um einen bärtigen Mann, der hinter einem sitzt und lauscht, während man selbst, auf der Couch liegend, intime Eingeständnisse zu sexuellen Fantasien oder dem eigenen Verhältnis zu den Eltern machen muss. Mythen und Vorurteile verschwimmen. Da kaum jemand von positiven Erfahrungen berichtet (schließlich wird das Thema in der Gesellschaft weitestgehend tabuisiert), halten sich die falschen Meinungen hartnäckig und tragen dazu bei, dass das Image der Psychologen niedrig und die Hemmschwelle für einen Besuch bei ihnen hoch gehalten wird.

Freilich, die Vorurteile sind nicht völlig aus der Luft gegriffen. In vergangenen Jahrhunderten wurden psychisch kranke Menschen ausgegrenzt. Sie wurden weggesperrt, gefoltert, zum Teil sogar ermordet oder kamen während dubioser Behandlungsversuche ums Leben. Dass bei einer solchen Vergangenheit bis in die Gegenwart Angst mitschwingt, ist nicht verwunderlich. Zahlreiche Erkenntnisse, Gesetze und Regelungen jedoch, haben dazu beigetragen, dass psychische Krankheiten, zumindest im Gesundheitswesen, mit anderen Beschwerden gleichgestellt wurden. Wer eine stationäre Psycho Therapie durchläuft, findet sich in einer Mischung aus Krankenhaus und Kurklinik wieder, in dem alles dafür getan wird, den seelischen Zustand zu verbessern. Da sind keine Zwangsjacken, keine Gummizellen, kein Raum mit Elektroschockern, keine Gewalt. Die Patienten sind Menschen wie wir alle, die statt eines Infekts oder Virus eben an einer psychischen Erkrankung leiden.

Eine ambulante Psycho Therapie ist ebenfalls nichts, was sich ausschließlich auf einer Couch liegend abspielt und einzig sexuelle Träume oder Kindheitserinnerungen thematisiert. Ein Therapeut ist auch kein Scharlatan, der sich nur fürs Zuhören bezahlen lässt, und ebenso wenig ein Übermensch, der mit Röntgenaugen in die Gedankenwelt vordringen kann. Das Berufsbild ist seit 1999 besonders geschützt; nur Menschen mit abgeschlossener, absolvierter Ausbildung zum Therapeuten dürfen die Psycho Therapie ausüben. Das heißt, jeder der einen Psychotherapeuten aufsucht, kann sich darauf verlassen, dass er gut ausgebildet ist.

Die Gemeinsamkeiten zwischen körperlichen Erkrankungen und seelischen Krisen sind eindeutig. Entsprechend enttäuschend ist, dass mit beiden Formen von Leiden so unterschiedlich umgegangen wird. Wer von der Diagnose Schizophrenie hört, bemüht sich darum, den Betroffenen zu meiden. Vermeintlich gefährlich und schlichtweg verrückt muss er sein, dieser Schizophrene. Die Diagnose Alkoholsucht ist auch klar: Selber schuld! Soll er doch mit dem Trinken aufhören! Ähnlich geht es Menschen mit Essstörungen, die sind selbst dafür verantwortlich, dass sie nichts essen oder nichts bei sich behalten. Es zwingt sie ja keiner dazu. Menschen mit Zwangsstörungen werden belächelt, pathologische Angst ebenfalls, die „sollen sich mal nicht so zieren“. Es ist schon komisch, warum Menschen in psychischen Krisen vermeintlich selbst für ihre Krankheit verantwortlich sein sollen. Bei Patienten mit Lungenentzündungen oder Augenkrankheiten würde niemand auf die Idee kommen, sie zu stigmatisieren und ihnen ein Eigenverschulden nachzusagen. Diese Patienten haben ohne Einschränkungen das Recht auf Mitleid, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Rücksichtnahme und Verständnis. Niemand hat Angst, Zeit mit ihnen zu verbringen oder Hemmungen, über deren Krankheit zu sprechen.

Tatsächlich ist eine psychische Erkrankung nichts anderes – niemand wird freiwillig depressiv oder psychotisch. Die Betroffenen suchen sich das nicht aus, ebenso wenig wie sich freiwillig jemand eine Herzmuskelentzündung zuzieht. Sich in seelischen Krisen zu befinden heißt auch nicht, verrückt zu sein oder seinen Verstand unwiederbringlich verloren zu haben. Überhaupt sind seelische Krisen nicht immer so extrem ausgeprägt, wie es in Spielfilmen gerne dargestellt wird. Entsprechend ist auch die Meinung falsch, dass nur sehr schwere Fälle überhaupt behandlungswürdig sind. Im Prinzip könnte jeder von uns zu einer Psycho Therapie gehen, da jedes Problem, das wir Menschen haben, in irgendeiner Form ein psychologisches ist. Wie wir über die Dinge denken, wie wir mit Schwierigkeiten umgehen, wie wir die Welt sehen, wie wir mit anderen Menschen kommunizieren, was uns antreibt … Das alles sind psychologische Themen und jeder von uns kann stets davon profitieren, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und sich zu hinterfragen. Nichts anderes geschieht in einer Psycho Therapie. Die Arbeit mit einem Psychotherapeuten muss einem keine Angst machen. Therapeuten sind Menschen, die einfühlsam durch Krisen begleiten. Solche Phasen durchlebt jeder einmal: der Verlust des Arbeitsplatzes, eine Trennung, der Tod eines lieben Menschen, Überforderung, Unsicherheiten … All das sind potenzielle Themen, bei denen ein Therapeut unterstützend zur Seite stehen kann. Jeder von uns hat das Recht auf Gesundheit, sowohl physisch als auch psychisch. Daher sollten wir umdenken und einen Psychotherapeut so selbstverständlich aufsuchen wie einen Zahn- oder Hausarzt. Zudem verdienen Betroffene unsere Anteilnahme, unser Interesse und vor allem unseren Respekt. Sich Hilfe zu suchen ist kein Ausdruck von Schwäche, ganz im Gegenteil: Es zeugt von Stärke, es sich ein- und zuzugestehen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen!

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